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Wallfahrt der Wiesenhaider nach Maria Radna

Über das Wallfahrten nach Radna

Von Marianne Chambre
Quelle: Michael Kettenstock, Wiesenhaid - Ein deutsches Dorf im Banat, Edling/Obb. 1987, Seite 171 ff.

Die erste Wallfahrt ist drei Wochen nach Ostern und die Prozession fünf nach Ostern. Große Teile, oder fast ganz, war das Banat von der Pest heimgesucht. Damals wurden Wallfahrten nach Radna in allen Dörfern organisiert und die Priester teilten die Wallfahrten so ein, dass jeden Samstag nur von einer Gemeinde gepilgert wurde. Beim Morgenläuten um 5 Uhr sind alle Pilger vor der Kirche versammelt. Hier wird gemeinsam der Engel des Herrn gebetet, dann geht die Prozession, mit dem Kreuz voran, gegen Schöndorf. Wer nicht zu Fuß gehen kann, fährt heute mit dem Bus bis nach Lippa oder man geht bis Guttenbrunn und fährt von da weiter.

Wie es früher war, wissen die meisten nicht mehr. Tage vorher wurden die Wagen gestrichen, alle Eisenarbeiten daran schwarz lackiert, das Schüsselgeschirr der Pferde gewichst, wer ein Dach für den Wagen hatte, befestigte es. Und die Frauen bereiteten kalte Speisen, abgekochter Schinken, Eier, oft auch kalter Braten, und Mohn- oder Nussstrudel wurde gebacken. Ich meine, bei den ersten Wallfahrten fasteten fast alle, später artete dies alles mehr zu einem Ausflug aus. Denn die großen Mädchen mussten unbedingt eine jede ein neues Kopftuch mit Spitzen dran haben und meist auch neue Färberöcke. Na es war ja der einzige Ausflug unserer Bauersleute.

Nun zurück zur Prozession: Sie geht durch Schöndorf bis Traunau, da gehen alle in die Kirche, meist wartet der Ortspriester und gibt den Pilgern den Segen. Mittlerweile sind alle Fuhrwerke hier eingetroffen, und nun wird gefrühstückt. Danach geht’s weiter. In Guttenbrunn ist wieder Einkehr in die Kirche. Da warten Priester und Kantor schon, und wieder wird der Segen erteilt. Auch nahmen die Fuhrwerke alles überflüssige Gepäck mit, denn nun kam der schwerste Teil des Weges. Meist in großer Hitze wurden die 12 km bewältigt und um 12 Uhr mittags wollte man in Neudorf sein. Da hier die Kirche in einer Seitenstrasse liegt, wurde am Kreuz auf der Hauptstrasse gebetet und Mittagsrast gehalten. Wir Kinder haben es meist nur bis Neudorf zu Fuß geschafft, ich glaube ein- oder zweimal gingen wir bis Radna. Nach dem Aufbruch der Fußgänger fuhren alle Wagen ab, und einer wollte dem anderen vorfahren. Jeder hatte doch die Pferde schon eine Woche vorher ruhen lassen.

In Radna angekommen suchten die, die gefahren sind, Unterkunft für Tier und Mensch. Oft war’s recht armselig, Stroh, eine Decke und mehr nicht, aber schön war’s doch. Man freute sich auf’s Radnafahren schon Wochen vorher.

Dann versammelten sich alle auf den Stufen der Kirche und warteten auf die Fußgänger. Sobald die Prozession in Sicht kam, läuteten die Glocken. Mit Musik und Kirchenfahnen, das Kreuz voran, gingen alle zuerst zum großen Herrgott, beteten und begaben sich nun zur Kirche. An der Kirchentür empfing sie ein Franziskanerpater, der allen den Segen erteilte. Danach wurde die Zeit festgesetzt, wann die Stationen abgehalten werden, auch gleich Geld für’s gemeinsame Hochamt gesammelt. Nun begaben sich alle in ihr “Quartier” um ein bisschen zu ruhen und sich zu erfrischen.
 

Zur festgesetzten Zeit beginnt die Andacht bei den Stationen, es werden alle Statuen auf dem Berg besucht und gebetet. Bis zur Maiandacht ist Beichtgelegenheit, keiner verlässt den Wallfahrtsort ohne Beichte und Kommunion, auch heute ist’s noch so. Es gab vor den Beichtstühlen immer langes Warten, aber in dem langen Flur gab’s so viele Bilder zu bewundern die alle aus Dankbarkeit, weil Maria geholfen hatte, gestiftet wurden. Früher gab’s auf dem Weg zur Kirche viele “Tschattern”, die größte Freude der Jugend. Da kauften die Buben ihren Mädel’s “Radnastücke” und die Alten nahmen Radnazucker mit nach Hause; den ein jeder bekam, der nicht dabeisein konnte. Mit dem Radnazucker ist es auch heute noch Gebrauch.

Jene, die Samstags nicht mehr beichteten, waren Sonntagfrüh um 4 Uhr schon bei den Beichtstühlen, denn um 8 Uhr war Kommunion, meist um 10 Uhr dann das Hochamt. Wenn dann mehrere Prozessionen zugleich kamen, mussten die Pater die ganze Nacht Beichte hören und in der Kirche war kein noch so kleiner Platz zu finden. Am 15. August pilgern sehr viele Rumänen nach Radna. Heute (1970) verwaltet nur ein einziger Priester den Ort. Das Kloster wurde zu einem Altenheim umgebaut.

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